Gutachter hält Messer-Mörder von Brokstedt für voll schuldfähig Trotz möglicher psychischer Erkrankung kann Ibrahim A. verurteilt werden

Wende im Prozess vor dem Landgericht Itzehoe gegen den staatenlosen Ibrahim A., dem vorgeworfen wird, am 25. Januar 2023 mit einem Messer mehrere Menschen in einem Zug angegriffen und die 17 Jahre alte Ann-Marie K. sowie ihren 19 järhigen Freund, Danny P. getötet zu haben. Weitere vier Menschen wurden durch die Messerstiche schwer verletzt. Eine 54 jährige Frau, die bei dem Angriff so schwer verletzt wurde, dass sie in ein künstliches Koma versetzt werden musste, nahm sich ein knappes halbes Jahr nach der Tat das Leben.

Behandelnde Psychiater sagten als Zeugen aus

Mehr als 35 Verhandlungstage sah alles so aus, als könne Ibrahim A. für die grausame Tat, die er in einem Regionalexpress bei Brokstedt begangen haben soll, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Mehrere Psychiater, die zu dem Staatenlosen aus Gaza während seiner Haft Kontakt hatten, sagten im Prozess als Zeugen aus, dass der Angeklagte unter Wahnvorstellungen leide und psychisch krank sei.

Gutachter sieht keine Schuldunfähigkeit oder eingeschränkte Schuldfähigkeit

Am Donnerstag, 25. April kam nun endlich der vom Gericht bestellte Sachverständige, Prof. Arno Deister zu Wort. Über mehrere Stunden dauerte seine Einschätzung über den Angeklagten. Und der Professor kommt zum Ergebnis, dass der Angeklagte voll schuldfähig ist. Zwar sei sicher, dass Ibrahim A. an einer psychischen Krankheit leide. So geht der Gutachter davon aus, dass der Angeklagte bereits 2014 unter einer posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund seiner Erlebnisse in Gaza und der folgenden Flucht nach Deutschland leide. Es habe wohl prägende Erlebnisse in seiner Heimat Gaz stattgefunden, führt der Experte aus.

Bei seiner Asylantragstellung in Nordrhein-Westfalen zeigte der Staatenlose Brandnarben auf seinen Armen. Auch Ängste, Halluzinationen und dissoziative Zustände, die Ibrahim A. später zeigte, könnten mit Erlebnissen in Gaza zu tun haben. Was Ibrahim A. widerfahren ist, ist jedoch auch im Prozess unklar geblieben.

Angeklagter mehrfach vorbestraft

Der Staatenlose kam 2014 nach Deutschland und stellte einen Asylantrag, der nie genehmigt wurde.
In seiner Zeit in Deutschland beging er mehrfach Straftaten. Ein Jahr vor der Messerattacke im Zug griff er einen Obdachlosen mit einem Messer an und verletzte ihn schwer am Kopf. Wegen dieser Tat wurde er zwar verurteilt. Weil das Urteil jedoch nie rechtskräftig wurde, saß der Angeklagte bis zum 19. Januar 2023 in U-Haft.
Dann kam es zur Freilassung, was selbst seinen eigenen Anwalt überraschte. Kurz vor der Freilassung wurde Ibrahim A. von einem Psychiater begutachtet, der keine Gefahr der Fremd- oder Eigengefährdung feststellte. Später im jetzt laufenden Prozess sagte derselbe Psychiater als Zeuge aus, und gab an, der Angeklagte könnte zum Tatzeitpunkt an einer Psychose gelitten haben.

Angeklagter machte in Haft Andeutungen auf islamistischen Anschlag

Auffällig waren Bemerkungen des Angeklagten während der Zeit, die er wegen des Messerangriffs gegen den Obdachlosen in Untersuchungshaft verbrachte. So ist in Haftprotokollen festgehalten, dass Ibrahim A. am 6. August 2022 in der Haft auf dem Weg zum Hofgang zu einem JVA-Beamten gesagt haben soll:

„Großes Auto, Berlin, das ist die Wahrheit!“

Einen anderen Beamten fragt er zweimal, ob er auch „unter die Reifen“ will. Später dann, als die Schließer die Tür dicht machen wollen, dreht sich Ibrahim A. noch einmal zu ihnen um und sagt:

„Es gibt nicht nur einen Anis Amri, es gibt mehrere: Ich bin auch einer!“

Weiterhin finden sich im Haftprotokoll mehrere Meldungen von Übergriffen und Gewalttaten gegenüber den JVA Mitarbeitern und anderen Häftlingen.

Gutachter geht von Retraumatisierung in der Haft aus

Professor Deister stellt in seinem Gutachten fest, dass die Haftzeit für den Angeklagten retraumatisierend war. Die Zeit in der Untersuchungshaft habe die Symptome des Angeklagten erst so weit verstärkt, dass eine stabile Diagnose auf ein PTBS- Syndrom möglich war. Erschwerend kam hinzu, dass der Angeklagte wegen seiner Angriff lange Zeit isoliert war und Untersuchungshäftlinge keinen Anspruch auf Psychotherapien haben. Alle drei Wochen war Ibrahim A. bei einem Gefängnispsychiater, von der er auch Medikamente erhielt.

Messerangriff im Zug nur Tage nach Haftentlassung – wegen Probleme mit Ausweispapieren?

Am 19. Januar 2023 wurde Ibrahim A. mit ein wenig Bargeld aus der Haft entlassen. Nur sechs Tage später attackierte der Staatenlose dann mehrere Menschen im Zug bei Brokstedt. Am Morgen des Tattags war Ibrahim A. in Kiel unterwegs. Er wollte seine Ausweispapiere erneuern lassen. Da er zweimal bei der falschen Behörde vorstellig wurde, scheiterte sein Vorhaben.

Daraufhin soll der Angeklagte ein Messer – die spätere Tatwaffe – in einem Supermarkt geklaut haben. Mit diesem stieg er zuerst ohne gültiges Fahrticket in einen ICE nach Hamburg, wurde aber in Neumünster aus dem Zug geworfen. Deswegen stieg er in den Regionalexpress, wo er dann die Fahrgäste attackierte.

Tat erinnert an Mord an Ece in Illerkirchberg

Die Ereignisse erinnern diesbezüglich an den Mord an der 14 jährigen Ece in Illerkirchberg. Ihr Mörder, ein Asylbewerber aus Eritrea wurde zwischenzeitlich wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt und die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Auch er tötete kurz nachdem die Ausweiserneuerung auf einer Behörde scheiterte. Ece gilt als Zufallsopfer, da der Eritreer eigentlich die betreffenden Behördenmitarbeiter mit dem Messer angreifen wollte. Weil er davon ausging, dass Ece und ihre Freundin, die bei der Attacke schwer verletzt wurde, das Messer gesehen haben, als er seine Unterkunft verließ, griff er die Mädchen auf der Straße an und tötete Ece.

Kein Hinweis zu fehlender Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt

Zurück zum Prozess gegen Ibrahim A. Zwar bescheinigt Professor Deister dem Angeklagten, dass sowohl die posttraumatische Belastungsstörung als auch sein Drogenkonsum in der Vergangenheit zur Tat selbst beigetragen haben könnten. Entscheidend sei jedoch, ob der Angeklagte im Moment der Tat zur Einsicht fähig war, ein Verbrechen zu begehen, und ob er sich steuern konnte.

Die Fakten sprechen dafür, dass sowohl Einsicht als auch Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt gegeben war. Denn zum Einen reichen für den Gutachter die ihm Blut, das dem Angeklagten nach der Tat abgenommen wurde, festgestellten Werte, die auf Drogenkonsum hindeuten, nicht aus, um von einem akuten Wahnzustand während der Tat auszugehen. Zum Anderen schätzt er die Drogenabhängigkeit des Angeklagten nicht so stark ein, dass Entzugserscheinungen mitverantwortlich für die Tat sein könnten.

Für die Annahme einer Schuldunfähigkeit bleiben dann nur noch eine verminderte Intelligenz, die der Sachverständige für Ibrahim A. jedoch ausschließt, und eine Tat im Affekt. Die Gegebenheiten im Zug sprechen jedoch gegen diese Annahme. So gab es keine Streitigkeiten oder sonstige Provokation von Seiten anderer Fahrgäste. Vielmehr soll Ibrahim a. anlasslos auf die Jugendliche Ann-Marie K. eingestochen haben.

Weder aus den Akten noch aus den Zeugenaussagen vor Gericht haben sich Hinweise ergeben, dass Einsicht und Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zum Tatzeitpunkt nicht gegeben war, schließt der Gutachter seine Ausführungen.

Ibrahim A. soll von Gericht wie ein normaler Verbrecher behandelt werden

Der Sachverständige empfiehlt daher dem Gericht, den Angeklagten wie einen normalen Verbrecher und nicht wie einen psychisch Kranken, der im Zustand der Schuldunfähigkeit tötete, zu behandeln. Auch die Staatsanwaltschaft geht von voller Schuldfähigkeit des Angeklagten aus. Der Prozess wird fortgesetzt.

Anzeige

Haben Sie einen wertvollen Hinweis?

Ihre Informationen könnten entscheidend für eine wichtige Geschichte sein.
Teilen Sie Ihren Hinweis heute und machen Sie den Unterschied.

Kommentare