Infoportal für Nachrichten und Hintergrundinformationen außerhalb des Mainstreams

Werbung:

„Mein Kind ist von einem Monster getötet worden“ – Eltern fordern Aufarbeitung Ein angekündigter und möglicherweise vermeidbarer Mord in einer Psychiatrie in München

Am 31. Mai 2022 ereignete sich im Isar-Amper-Klinikum in München ein furchtbares Verbrechen. Die 40-jährige Kamilla Nagy, selbst Patientin in der psychiatrischen Klinik, wurde auf brutalste Weise von einem Mitpatienten getötet. Es gleicht einer Hinrichtung, was an diesem Tag in einer psychiatrischen Klinik, eigentlich ein geschütztes Umfeld, geschehen ist.
„Mein Kind ist von einem Monster getötet worden“ – Eltern fordern Aufarbeitung Ein angekündigter und möglicherweise vermeidbarer Mord in einer Psychiatrie in München

Inhalt

Kamillas Mörder war erst Stunden zuvor in die Klinik eingeliefert worden. Obwohl die Polizei auf die Gefährlichkeit des Mannes mehrfach hinwies, konnte sich der Mann frei auf der gemischten Akut-Station bewegen. Das Verbrechen wirft Fragen auf, sowohl was die Verantwortung des Klinikpersonals angeht, als auch das Agieren der Staatsanwaltschaft in der Aufarbeitung des Falles. Eine Suche nach Antworten zu einem möglicherweise vermeidbarem Mord in einem Umfeld, das eigentlich Schutz bieten soll.

Das Opfer

Kamilla Nagy

Kamilla Nagy war 40 Jahre alt. Seit 17 Jahren litt sie an einer psychischen Erkrankung, deren Auslöser eine Droge war, die sie als junge Frau gegen den Prüfungsstress an der Universität einnahm. Seitdem kämpfte Kamilla gegen die Folgen der Einnahme und litt unter der Angst, sich selbst und anderen nicht genug zu sein. Immer wieder musste Kamilla ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und mit Psychopharmaka eingestellt werden, um einen Weg zu finden, ihr eigenes Leben leben zu können.

Halt und Unterstützung fand Kamilla bei ihren Eltern, die ihr auch während ihrer Zeit im Klinikum in München Haar zur Seite standen. Ihre Eltern beschreiben sie als fröhliches und kreatives Kind, das in Olching bei München aufwuchs. Bis in die Jugend war ihr Leben durch den Tennissport geprägt. Die Erkrankung von Kamilla wurde in ihren unterschiedlichen Phasen auch für ihre Familie zur Belastung. Aber man hielt zusammen und suchte Wege, um Kamilla zu helfen, ein glückliches und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das führte Kamilla ins Isar-Amper-Klinikum, wo sie eine Langzeit-Therapie für 12 Monate machte. Es sollte ihr letzter Aufenthalt in einer Klinik werden.

Der Täter

Jayson B. war zur Tatzeit 33 Jahre alt. Der Brasilianer lebte in München in einem Mehrfamilienhaus. Er soll sich als Frau gefühlt und entsprechend auch Frauenkleider getragen haben. Vor seiner Einweisung in die Klinik war er als Trans-Prostituierter tätig. Laut eigenen Angaben hatte er dabei selbst Gewalt erlebt. Er lebte in einem Mehrfamilienhaus in München. Und hier ging auch das Drama los, das schlussendlich mit dem grausamen Mord an Kamilla zu Ende ging.

Jayson B. war mehrfach vorbestraft. Das Bundeszentralregister weist 5 Eintragungen auf, unter anderem wegen Körperverletzung. Des weiteren war er mehrfach in psychiatrische Kliniken eingewiesen worden, wegen Eigen- und / oder Fremdgefährdung. Erstmals auffällig wurde Jayson B. im Jahr 2011, als er seinen damaligen Lebenspartner geschlagen hatte weil dieser ihn gewürgt haben soll. Im weiteren Verlauf versuchte er sich  das Leben zu nehmen. Zuletzt wurde er Ende April 2022, also vier Wochen vor der Tat aus dem Isar-Amper-Klinikum nach einem eintägigen stationären Aufenthalt entlassen. Dieselbe Klinik wurde später zum Tatort des Mordes an der 40-jährigen Künstlerin.

Die Ereignisse vor der Tat

Bereits zwei Tage vor der Tat, am 29. Mai 2022 rief eine Nachbarin von Jayson B. die Polizei, weil sie laute Schreie und nicht identifizierbare Geräusche hörte. Die Schreie sollen sich laut Angaben der Nachbarin nicht menschlich angehört haben. Die Beamten fanden Jayson B. bekleidet mit einem weißen Vorhang vor, den er wie eine Toga trug. Er erklärte, dass er auf Gott höre und noch tausend Jahre beten müsse.

Am Morgen des 30. Mai 2022, einen Tag vor dem Mord, wurde die Polizei erneut von der Nachbarin von Jayson B. gerufen. Die Beamten fanden eine noch bizarrere Szenerie als am Vortag vor. Bereits im Treppenhaus fanden sie mehrere blutgetränkte Wattepads. Jayson B. trug immer noch den Umhang, den er als Toga um seinen Körper gewickelt hatte. Vor dem Eintreffen der Polizeibeamten hatte er sich, laut seinen Angaben auf göttliche Weise, absichtlich mit dem Finger an einem Deckel einer Thunfischdose geschnitten. Das Blut vermischte er mit dem Öl aus der Thunfischdose und rieb seinen Körper damit ein. Außerdem brachte er mit diesem Blut-Öl-Gemisch an der Wohnungstür ritualartig angeordnete Punkte an.

An diesem Morgen tötete er auch seinen Hund, einen weißen Chihuahua . Jayson B. war in seinem Wahn davon überzeugt, sein Hund sei vom Teufel besessen. Gott hätte ihn beauftragt, den kleinen Hund zu töten. Zuerst wollte er ihn ertränken, was ihm nicht gelang. Deswegen erdrosselte er schlussendlich den Hund und stach mit einer Nagelschere auf ihn ein.

Unterbringung in der psychiatrischen Klinik

Die Polizeibeamten nahmen Jayson B. zuerst mit auf die Dienststelle. Während der Fahrt äußerte er zum ersten Mal, dass er einen Menschen töten wolle um sich von der Polizei schützen zu lassen. Ein Alkoholtest verlief negativ. Nachdem das Gesundheitsamt die Einweisung in eine psychiatrische Klinik anordnete, verbrachten ihn Polizeibeamte in einem Transporter ins Isar-Amper-Klinikum. Während der Fahrt erklärte Jayson B. noch einmal, dass er am selben Tag noch einen Menschen töteten werde. Er wolle ins Gefängnis kommen, die Tötung seines Hundes hätte nicht ausgereicht, um den Teufel auszutreiben.

Angekommen in der Klinik wurde Jayson B. zuerst in einen Wachraum einer geschlossenen Station der psychiatrischen Klinik verbracht. Im ersten Aufnahmegespräch mit der Ärztin reagierte er kaum auf deren Fragen. Einen Pfleger gegenüber tätigte er zudem homophobe Äußerungen. Die Polizeibeamten teilten der Ärztin mit, dass Jayson B. angedroht hatte, einen Menschen zu töten. Anschließend wurde er in sein Patientenzimmer verbracht – das Zimmer neben dem Zimmer von Kamilla.

Als ein weiterer Stationsarzt in das Zimmer von Jayson B. kam, fand er diesen kniend auf dem Boden vor. Immer noch trug er besagte Toga, während er auf portugiesisch betete. Er reagierte auf die Ansprache des Arztes aggressiv und fing an zu schreien, dass dieser sein Zimmer verlassen solle. Außerdem hatte er sich entblößt. Als der Arzt ihm Medikamente in einem Becher reichte, mit der Bitte, diese einzunehmen, schlug Jayson B. ihm den Becher aus der Hand. Erst als der Arzt den Sicherheitsdienst rief, nahm er die Medikamente ein. Zum letzten Mal allerdings, denn die weitere Medikamentengabe verweigerte er, sowohl am Abend vor der Tat als auch am Tatmorgen.

Der Tattag

Trotz der grausigen Ereignisse am Vortag wie dem Töten seines Hundes und der Aggression bei der Aufnahme sowie der zweifachen Verweigerung, seine Medikamente einzunehmen, konnte sich Jayson B. auf der geschlossenen, geschlechtsgemischten Station frei bewegen. So traf er am Morgen des 31. Mai 2022 auf sein späteres Opfer. Die 40-jährige Kamilla konnte das Klinikgelände auch verlassen, was sie an dem Morgen auch tat, um sich Zigaretten zu kaufen. Bei ihrer Rückkehr begegnete sie Jayson B., der sie als hübsche, blonde Frau wahrnahm, die vom Teufel besessen sei, weswegen er sie als den Menschen auswählte, den er zu töten angekündigte hatte.

Eine Stunde will niemand was mitbekommen haben

Die zeitlichen Abläufe am Tatmorgen konnten auch im Prozess nicht vollständig aufgeklärt werden. Es bleibt ein Zeitfenster von 9.00 Uhr – als Jayson B. auf Kamilla traf, bis 10:01 Uhr, als der Feueralarm im Badezimmer von Kamilla anschlug.

Nach Angaben von Jayson B. ging er nach der Begegnung mit Kamilla auf der Station noch in sein Zimmer und duschte. Anschließend riss er eine ca. 35 cm Edelstahlstange aus der Decke, an deren Ende eine 5 cm lange Muffe befestigt war, die als Aufhängung für eine Duschvorhangstange diente. Er kleidete sich erneut mit dem als Toga gewickelten Vorhang und ging bewaffnet mit der Stange in das unverschlossene Zimmer von Kamilla, die sich gerade in ihrem Badezimmer aufhielt. Was dann folgte, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten und wirft viele Fragen hinsichtlich der Aufsicht und der Sicherheit in der geschlossenen Station auf.

Nachdem Jayson B. das Badezimmer von Kamilla betreten hatte, begann er sofort damit, mit der Edelstahlstange, an der die Muffe befestigt war auf den Kopf von ihr einzuschlagen. Am Ende waren es mindestens 24 massive Schläge auf den Kopf der völlig arg- und wehrlosen Frau. Nachdem sie zu Boden ging, zog Jayson B. ihren Pullover aus, wickelte diesen um den Hals und band das Opfer damit an den Handlauf der Dusche. Kamilla starb schlussendlich an Ersticken und eingeatmeten Blut aufgrund ihrer schweren Schädelverletzungen. Daneben führte der Täter mit der Edelstahlstange noch schwerste sexuelle Misshandlungen an dem Opfer aus, die hier aus Respekt vor dem Opfer nicht näher ausgeführt werden.

Anschließend schleppte Jayson B. sämtliche Gegenstände, auch Möbelstücke, Kleider und Matratzen, die sich im Patientenzimmer von Kamilla befanden in das Badezimmer und warf alle Sachen auf Kamilla. Mit einem Feuerzeug, das er im Zimmer von Kamilla fand zündete er schließlich alles an. Als die Flammen bereits über eineinhalb Meter hoch waren, verließ er das Badezimmer, schloss die Tür und kniete sich davor, um zu beten. Die Metallstange, mit der er Kamilla misshandelte und getötet hatte, hielt er immer noch in den Händen.

Der Rauchmelder löste Alarm aus

Erst um 10:01 Uhr, als durch die Flammen im Badezimmer der Rauchmelder Alarm schlug, bekamen die Mitarbeiter der Klinik etwas davon mit, was sich im Zimmer von Kamilla zugetragen hatte. Bis die Leiche schließlich gefunden wurde, verging jedoch noch viel Zeit, obwohl sowohl Mitarbeiter der Klinik als auch Ermittler der Polizei vor Ort und im Badezimmer waren, in dem sich das Verbrechen ereignete.

Wo war das Personal?

Es stellt sich hier unweigerlich die Frage, wie es sein kann, dass im schlimmsten Fall über die Dauer von einer Stunde niemand – weder Personal noch Mitpatienten – etwas von den schrecklichen Ereignissen im Patientenzimmer von Kamilla mitbekommen hat. Ein derartiger Angriff geht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht leise und schon gar nicht lautlos vonstatten. Kamilla wird mindestens einmal, als sie noch bei Bewusstsein war, geschrien haben. Die Schläge mit der Metallstange, aber vor allem das Verrücken, Verschieben und Verbringen von ganzen Möbelstücken in das Badezimmer machen Lärm. Der Tatort ist ein Zimmer in einer geschützten und geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik. Wie kann es sein, dass offenbar über eine Stunde kein Pfleger, kein Arzt vom dem Verbrechen etwas mitbekommen hat?

Laut der Rechtsanwältin der Opferfamilie war reichlich Personal, sowohl Ärzte als auch Pfleger auf Station. Ein Großteil befand sich jedoch im Übergabegespräch im Stationszimmer. Nicht geklärt ist, wer sich in der Zeit überhaupt um die Patienten gekümmert hat.

Nach der Tat

Nachdem der Rauchmelder Alarm schlug trafen die ersten Mitarbeiter ein, sahen sich die Situation im Badezimmer an und verließen es aufgrund der starken Rauchentwicklung sehr schnell wieder. Mit Feuerlöschern begannen Mitarbeiter dann, das Feuer zu löschen. Der Täter wurde in ein anderes Zimmer gebracht. Bis dahin hat noch niemand mitbekommen, dass der Täter nicht nur ein Feuer gelegt sondern auch die Bewohnerin des Zimmers auf brutalste Weise getötet hatte.

Erst als die anderen Mitpatienten wegen der starken Rauchentwicklung in den Garten gebracht wurden, fiel auf, dass Kamilla nicht da war. Bei der Befragung durch Polizeibeamte erklärte der Täter, dass Kamilla eine „Hure von Babylon“ sei, die brennen und sterben müsse.

Kamillas Leiche wurde schlussendlich sehr spät, nachdem die Polizei das Zimmer wieder freigegeben hatte und Mitarbeiter der Feuerwehr bereits dabei waren, das Badezimmer zu räumen, gefunden. Erst als die Feuerwehrleute das Zimmer wieder verlassen hatten, schaute der Werksleiter der Feuerwehr nochmals in das Zimmer und fand dann Kamilla.

Juristische Aufarbeitung – wer trägt Verantwortung für den Tod von Kamilla?

Im späteren Sicherungsverfahren wurde Jayson B. aufgrund einer zum Tatzeitpunkt vorherrschenden paranoiden Schizophrenie für schuldunfähig erklärt und im Maßregelvollzug untergebracht.

Es gab eine Anzeige der Eltern von Kamilla gegen Unbekannt. Ziel war, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleitet, ob und inwieweit Verantwortliche und Behandler des Klinikums Mitverantwortung dafür tragen, dass eine Patientin im geschützten Umfeld einer Akutstation einer psychiatrischen Klinik einem derart brutalen Verbrechen zum Opfer fallen kann. Wie kann es sein, dass Ärzte den Mann frei auf Station ließen, der Stunden zuvor noch androhte einen Menschen töten zu wollen und obwohl er seine Medikamente verweigerte und er Aggressionen gegenüber dem Personal zeigte?

Und die fast noch brisantere Frage: Wie kann es sein, dass niemand über den Zeitraum von bis zu einer Stunde von den Ereignissen im Bad etwas mitbekommen hat und Kamilla zu Hilfe kam? Auch will niemand das sicherlich nicht lautlose Herunterreißen der Edelstahlstange aus der Decke des Badezimmers des Täters kurz vor der Tat gehört haben.

Laut der Rechtsanwältin der Eltern von Kamilla fand die gesetzlich vorgeschriebene fachliche Untersuchung des Täters bis zur Tat nicht statt. Diese fachärztliche Untersuchung hätte jedoch laut Bayerisches-Psychisch-Kranken-Hilfegesetz (Art. 14 Abs. 3 S. 1 BayPsychKHG) sofort, also bereits einen Tag zuvor, bei Einweisung stattfinden müssen.

Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Die Staatsanwaltschaft München hat die Ermittlungen gegen das Klinikum wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen nach Einholung eines Gutachtens, das zum Schluss kam, dass es keine Verfehlungen von Seiten der Verantwortlichen gegeben hätte, eingestellt. Dieser Einstellung haben die Eltern von Kamilla widersprochen, sind damit jedoch auch vor der Generalstaatsanwaltschaft gescheitert, die einer Beschwerde der Eltern nicht Folge leistete.

Hiergegen reichte die Familie von Kamilla über ihre Anwältin Anfang Mai diesen Jahres einen Antrag auf Klageerzwingung beim Oberlandesgericht München ein. Ein privat in Auftrag gegebenes Gutachten durch die Eltern, welches von dem renommierten Prof. Dr. Karl Beine, selbst Psychiater und bundesweit als Fachexperte für Tötungsdelikte in Krankenhäusern anerkannt, erstellt wurde, kam zum gegenteiligen Schluss als das durch die Staatsanwaltschaft beauftragte Gutachten. Es seien gravierende und eindeutige Fehler von Seiten der Ärzte festzustellen.

Ein Zitat aus dem Gutachten von Prof. Beine:
“Das den Ärzten und Mitarbeitern des kbo Isar-Amper-Klinikum München Ost bekannte Verhalten des Herrn B. am Vortag und bei seiner Einweisung am 30.05.2022 hätte zwingend zu anderen oder mehr Maßnahmen der Überwachung und/oder Behandlung führen müssen.

Fachlich angemessen aber auch zwingend notwendig wären:

  • ein umfassender Informationsaustausch
  • eine engmaschige persönliche Begleitung im Sinne einer 1:1 Betreuung
  • wiederholte Versuche, zu Herrn L. einen therapeutischen Kontakt herzustellen,
  • die ärztliche Untersuchung nachzuholen und ihn zur Mitwirkung zu motivieren.

Diese Maßnahmen hätten durch die für diese Station verantwortliche ärztliche Leitung angeordnet werden müssen.”

Das Oberlandesgericht München muss nun darüber entscheiden, ob ein hinreichender Tatverdacht besteht und die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu Unrecht eingestellt hat. Im allgemeinen haben Anträge auf Klageerzwingung jedoch geringe Erfolgsaussichten, da die Anforderungen, nicht nur inhaltlich, sondern auch formell sehr hoch sind. So muss allein im Antrag der Sachverhalt so konkret dargelegt sein, dass das Gericht darüber entscheiden kann, ohne dass die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft hinzugezogen werden müssen.

Fall wird zum Politikum

Mittlerweile interessiert sich auch die Landespolitik für den Fall. Am 20. Mai richtete die Grüne Landtagsfraktion eine Anfrage an die Bayerische Landesregierung, mit der mögliche Versäumnisse des verantwortlichen Personals im Zusammenhang mit der Tötung von Kamilla Nagy aufgeklärt werden sollen.

Die Landesregierung Bayern verweigerte jedoch größtenteils eine Beantwortung der berechtigten Fragen mit dem Verweis auf das Aussage- und Zeugnisverweigerungsrecht der Mitarbeiter der Klinik, da zum Zeitpunkt der Anfrage noch das Klageerzwingungsverfahren lief. Die Abgeordneten der Grünen kritisierten diese Verweigerung scharf. Es erwecke den Eindruck, dass die Staatsregierung sich selbst schützen wolle, weil der staatliche Schutzauftrag gegenüber Patienten in staatlichen Schutzeinrichtungen in dramatischer Weise verfehlt wurde und die Strukturen, die dafür da sein, genau solche Verbrechen zu verhindern, versagt hätten. Durch ihr Tun verweigere die Staatsregierung eine Aufarbeitung der Tat.

Auch die Anwältin der Familie Nagy kritisiert die Reaktion der Landesregierung auf die Anfrage. „Es entsteht der Eindruck, dass in diesem Fall, in dem sich die Durchführung eines ordentlichen Ermittlungsverfahren geradezu aufdrängt, womöglich etwas vertuscht werden soll. Anders kann ich mir nicht erklären, warum nun auch noch die Regierung jegliche Aufklärung zu verhindern versucht und die verfassungsmäßige Rechte der Landtagsfraktion untergräbt. Wir hoffen, dass der Fall nun durch die Unterstützung der Politik endlich Gehör findet und rechtstaatliche Ermittlungen durchgeführt werden.“

Oberlandesgericht lehnt Antrag auf Klageerzwingung ab

Mit Pressemitteilung vom 4. August 2025 erklärt das Oberlandesgericht München, dass mit Beschluss vom 31.07.2025 der Antrag auf gerichtliche Entscheidung gegen den Bescheid des Generalstaatsanwalts in München vom 24.03.2025 als unzulässig verworfen wurde. Der Antrag der Hinterbliebenen sei allein darauf ausgerichtet gewesen, dass weitere Ermittlungen angeordnet werden sollen. Dies sei kein Ziel einen Klageerzwingungsantrags, da ein Klageerzwingungsverfahren in der Regel nur mit der Anordnung beendet werden könne, dass öffentliche Klage erhoben werde.

Auch inhaltlich genüge der Antrag nicht den Anforderungen des Gesetzes, da konkrete Darstellungen eines strafbaren Handels von Ärzten und Klinikmitarbeitern fehlen würden. In der Antragsschrift hätte erläutert werden müssen, warum die Ärzte und Mitarbeiter  trotz des Gebots der freien Gestaltung der Unterbringung und den hohen rechtlichen Hürden für freiheitseinschränkende Maßnahmen ihre Sorgfaltspflicht verletzt hätten. Zudem hätte angegeben werden müssen, welche Maßnahmen aus Sicht der Kläger es bedurft hätte und welcher der angezeigten Ärzte dies konkret unterlassen habe.

Es ist wohl ein juristischer Endloskreis. Denn genau diese Ermittlungen, wer handelte sorgfaltswidrig und wer unterließ konkret welche Maßnahmen, um die Mitpatienten vor dem Mann, der nur Stunden zuvor ankündigte, einen Menschen töten zu wollen, zu schützen, wollte die Familie Nagy durch den Antrag erzwingen.

Die Akte ist geschlossen – Verantwortung für den Tod von Kamilla muss niemand übernehmen

Zwischenzeitlich haben die Eltern von Kamilla Deutschland verlassen und leben in Ungarn, wo sie auf ihrem Grundstück schon ein kleines Haus für Kamilla mit eigener Künstlerwerkstatt errichtet hatten. Dort sollte sich ihre Tochter nach Entlassung aus der Klinik ihrer künstlerische Begabung widmen und sich ein neues Leben aufbauen können. Dazu kam es nicht mehr.

Ich habe die Anwältin der Familie, Frau Jella von Wiarda Mitte Januar kontaktiert und sie gefragt, ob es denn nun noch rechtliche Möglichkeiten geben würde, um gegen mögliche Verantwortliche in der Klinik doch noch vorgehen zu können. Sie teilte mir mit, dass nach Verwerfung des Klageerzwingungsverfahrens noch die Möglichkeit bestanden hätte, Verfassungsbeschwerde einzulegen. Die Eltern haben sich jedoch aus persönlichen Gründen gegen diesen Schritt entschieden. Damit ist die juristische Aufarbeitung im Fall von Kamilla Nagy geschlossen. Verantwortung für das brachiale Verbrechen an Kamilla muss niemand übernehmen.

 


Fotos wurden mit Zustimmung der Familie veröffentlicht

guest
4 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Sybi

Mein Beileid den Eltern. Bin fassungslos. Einfach nicht zu begreifen. Das muss geklärt werden.

Thomas

Eigentlich unfassbar. Aber in diesem Land wundert man sich schon lange über nichts mehr. Das Land von Uneinigkeit und Unrecht und Unfreiheit.

David

Absolut schrecklich was Ende Mai 2022 in dieser Klinik geschehen ist! Mein Beileid.

Saß selber dort 7 Monate fest und sie haben mich als verrückten abgestempelt, kein Scherz! Ich bin noch dazu auch Ungare! Iregendwer dort hat schwer etwas gegen Ungaren evt.?

Pit

Wer in Deutschland im Bereich Psychiatrie gearbeitet hat, weiß worum es geht.
Zu viele Aufgaben mit zu wenig Personal und hohe rechtliche Anforderungen für Freiheits entziehende Maßnahmen.
Im dem Fall das Personal zur rechtlichen Verantwortung zu ziehen ist verständlich und funktioniert quasi nachdem Prinzip den letzten beißen die Hunde.
So ist nur folgerichtig das gemauert wird und die Verantwortlichkeiten ungenannt bleiben.

Weitere Nachrichten und Hintergrundinformationen zum Thema

Werbung:

0
Warenkorb
Ihr Warenkorb ist leerZurück zum Shop

V4.0 · NEU

Ermöglichen.

Drei Wege, die unabhängige journalistische Arbeit von aktuellinformiert.de mitzutragen.

01

DIREKT UNTERSTÜTZEN

Unabhängige Recherche ermöglichen.

02

ai+

Mehr erfahren. Mehr ermöglichen.

03

UNTERNEHMENSPARTNER

Gemeinsam mehr ermöglichen.

Direkt online unterstützen

Wählen Sie im nächsten Schritt, ob Sie unsere Arbeit einmalig oder regelmäßig unterstützen möchten. Auch den Betrag bestimmen Sie selbst.

Eine Zahlung per Debit- oder Kreditkarte ist auch ohne PayPal-Konto möglich, sofern diese Option im Zahlungsfenster angeboten wird.

Lieber direkt überweisen?

Gerne senden wir Ihnen unsere Kontodaten per E-Mail zu.

Unabhängige Recherche ermöglichen

Ihre Unterstützung schafft Freiraum für Recherche, Vor-Ort-Termine, sorgfältige Aufarbeitung und die Weiterentwicklung von aktuellinformiert.de.

ai+ LIFETIME

Dauerhaft bei ai+ dabei sein

495 € einmalig inkl. MwSt.

Sie möchten ai+ Lifetime per Banküberweisung bezahlen? Schließen Sie Ihren Zugang hier ab. Im Anschluss erhalten Sie die Zahlungsinformationen per E-Mail. Ihr dauerhafter Zugang zu ai+ wird nach Zahlungseingang freigeschaltet.

Falls Sie bereits ein Konto bei aktuellinformiert.de besitzen, geben Sie bitte Ihren bestehenden Benutzernamen an.

IHRE AUSWAHL

Zugang ai+ Lifetime
Beitrag 495 € einmalig inkl. MwSt.
Zahlungsart Banküberweisung

Die Zahlungsinformationen erhalten Sie nach Abschluss per E-Mail. Ihr dauerhafter Zugang zu ai+ wird nach Zahlungseingang freigeschaltet. Es fallen keine regelmäßigen Mitgliedsbeiträge an und es erfolgt keine erneute Abbuchung.

ai+ SUPPORT-MITGLIEDSCHAFT

ai+ Support-Mitglied werden

99 € für 12 Monate inkl. MwSt.

Keine automatische Verlängerung.

Sie möchten Ihre ai+ Support-Mitgliedschaft per Banküberweisung bezahlen? Schließen Sie Ihre Mitgliedschaft hier ab. Im Anschluss erhalten Sie die Zahlungsinformationen per E-Mail. Ihr Zugang zu ai+ wird nach Zahlungseingang für zwölf Monate freigeschaltet.

Falls Sie bereits ein Konto bei aktuellinformiert.de besitzen, geben Sie bitte Ihren bestehenden Benutzernamen an.

IHRE MITGLIEDSCHAFT

Mitgliedschaft ai+ Support-Mitgliedschaft
Beitrag 99 € für 12 Monate inkl. MwSt.
Zahlungsart Banküberweisung

Die Zahlungsinformationen erhalten Sie nach Abschluss per E-Mail. Ihr Zugang zu ai+ wird nach Zahlungseingang für zwölf Monate freigeschaltet. Die Mitgliedschaft endet anschließend automatisch. Es erfolgt keine automatische Verlängerung oder erneute Abbuchung.

Generic filters
4
0
Wir freuen uns auf Ihre Meinung, bitte hinterlassen Sie einen Kommentar.x